Diese Woche, im Pflegeheim. Herrn V. kenne ich jetzt seit etwa drei Monaten. Er ist demenziell beeinträchtigt und spricht nicht. Meist sitzt er mit gesenktem Kopf am Tisch, halb im Schlaf dämmert er in seiner eigenen Gedankenwelt vor sich hin und scheint das Geschehen um sich herum nicht wahrzunehmen.
Heute sind wir schon einige Zeit im Aufenthaltsraum, die Stimmung ist gut, sogar ausgelassen. Zeit, ein paar ruhigere Töne anzuschlagen. Ich hocke mich zu Herrn V. hinunter, PeterSilie und ich stimmen einen alten Schlager an.
Blitzartig, mit den ersten Tönen, wendet sich V. mir zu. Und es ist, als habe man ein Licht angeknipst: Er lächelt mich an, voller Freude, die Tränen laufen ihm übers Gesicht, doch er hört nicht auf zu strahlen. So sieht er mich an, zwei lange Strophen lang, und ich bin wie gebannt. Ich lege mein ganzes Herz in das Lied hinein, ich kann gar nicht anders, ich möchte diesen Augenblick halten, halten, halten, denn er ist unbeschreiblich schön.
Das Lied ist vorbei, Herr V. senkt seinen Kopf und geht wieder in seine Welt zurück. Und ich bleibe zurück – sprachlos und beschenkt.
Unsere Einsätze als Kontaktclowns sind uns ein Herzensanliegen. Wir freuen uns sehr, dass wir das Leben in den Agaplesion Bethanienhöfen in Hamburg-Eppendorf seit nun sechs Jahren mit roter Nase begleiten dürfen und darüber im Mitarbeiter-Magazin (7/2023) berichten konnten (siehe unten) – vielen Dank!
Besuch im Pflegeheim. Viele Zimmer, Flure und Bereiche haben wir heute schon durchstreift, nun kommt das 2. OG dran. In der Mitte des Wohnbereichs gibt es eine gemütliche Sitzecke mit Tisch und diversen Sesseln, die von den Bewohnern gern genutzt wird. Die Stimmung steigt hier gern schon einmal bis zur ausgelassenen Partylaune. Als wir heute ankommen, ist es dagegen sehr ruhig, nur wenige Bewohner sind um den Tisch versammelt.
Unter ihnen ist Frau G., die wir schon lange kennen. Mit ihrer warmherzigen Art und ihrem durchschlagenden Humor ist sie ein regelrechter emotionaler Magnet des Wohnbereichs. Durch die Demenz ist sie in ihrem zeitlichen und örtlichen Orientierungsvermögen stark eingeschränkt, was sie aber nicht aus ihrem seelischen Gleichgewicht zu bringen scheint: Wenn auf dem Wohnbereich etwas los ist, da ist sie mittendrin.
Heute jedoch ist alles anders, Frau G. ist ungewohnt still. In ihrem Stuhl hängt sie eher, als dass sie sitzt, der Kopf ist tief geneigt, das Kinn liegt auf der Brust. Nicht einmal ihre Brille hat sie heute auf der Nase. Die Betreuerin kommentiert meinen besorgten Blick: »Ja, Frau G. geht es heute schlecht.« Nach einer Weile spielt PeterSilie mit seiner Ukulele einen Walzer an, ich stimme mit dem Akkordeon ein. Und schließlich bricht sich Frau G.s Temperament doch Bahn: Der Kopf ist immer noch tief gesenkt, doch sie dirigiert mit wachsender Leidenschaft, so energisch, dass der mit Saft gefüllte Becher in ihrer Rechten mehrfach überzuschwappen droht. Es geht ihr sichtbar schlecht, und doch ist da in ihr der Wille, diese nicht zu unterdrückende Lust auf das gemeinsame Miteinander. Ich bin fasziniert – und berührt.
Als der Walzer vorbei ist, fragt PeterSilie vom anderen Ende des Tisches, wo denn Frau G. sei, und die Betreuerin entgegnet: »Da ist sie doch!« PeterSilie, vollkommen überrascht, nun direkt zu Frau G.: »Ich habe Dich ohne Brille ja gar nicht erkannt!« Darauf Frau G., wie aus der Pistole geschossen: »Wieso, kommt man hier nur mit Brille rein?« Und dann wirft sie den eben noch so tief gesenkten Kopf in den Nacken und lacht aus tiefstem Herzensgrund über ihren eigenen spontanen Scherz. Alle Schwere ist für einen Moment vergessen.
Es sollte unsere letzte Begegnung mit Frau G. sein: Bei unserem nächsten Besuch zwei Wochen später war sie nicht mehr da. Doch sie ist unvergessen.
Wenn Walzerklänge, gespielt auf Ukulele und Akkordeon, auf den Fluren im Kursana Domizil Oststeinbek erklingen, ist die Freude bei den Bewohnern groß: Dann sind wieder einmal die beiden ausgebildeten Klinik-Clowns PeterSilie & Luise zu Gast und bringen Leichtigkeit und Freude ins Haus. »Die Musik zieht die Senioren an wie ein Magnet«, sagt Axel Münster (57), der seit fünf Jahren zusammen mit seiner Frau Dr. Eva Zöllner (56) als Humor-Botschafter Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser und Hospize besucht. »Manche Bewohner setzen sich schunkelnd und lächelnd in unsere Nähe, andere kommen auf uns zu und machen mit, wenn Luise einen Luftballon aufpustet und ihn spielerisch in die Gruppe gibt. Aus so einem Impuls kann spontan ein wunderbares Miteinander entstehen.«
Fertige Konzepte oder bühnenreife Darstellungen spielen bei der sogenannten »Kontaktclownerie« des ehemaligen Erziehers und der promovierten Musikwissenschaftlerin keine Rolle. Vielmehr liegt der Fokus auf den Menschen, denen die beiden ohne Erwartung und Bewertung begegnen. »Die rote Clownsnase ist unsere Eintrittskarte, die signalisiert: Hier kommt jemand, der nichts von dir will«, erklärt Eva Zöllner. »Liebe und Respekt für unser Gegenüber stehen an erster Stelle. Wir lassen uns auf der Gefühlsebene ganz auf den anderen ein und bringen zum Ausdruck: Schön, dass es dich gibt. Daraus kann ein besonderer Zauber entstehen.«
Neben den Zufallsbegegnungen besucht das Duo seit Sommer letzten Jahres im Domizil auch regelmäßig Bewohner, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr an der Gemeinschaft im Haus teilnehmen können. Da ist beispielsweise die Dame, die aufgrund extremer Schwerhörigkeit ihr Zimmer nicht mehr verlassen möchte. Sie hat ihr Herz für »Therapiehund Lutz« entdeckt und lässt sich vom spielerischen Umgang mit der Klappmaul-Puppe aus der Reserve locken. Einige bettlägerige Bewohner warten bereits sehnsüchtig auf die Besuche und lassen sich von der Musik und dem liebevollen Miteinander aufheitern. Auch manche Senioren, die sich nicht mehr äußern, können durch sanfte Musik und den einfühlsamen Kontakt erreicht werden.
»Es geschehen immer wieder kleine Wunder, wenn diese Bewohner dann die Augen aufschlagen, den Clowns ein Lächeln schenken und manchmal sogar einige Worte sagen«, erzählt Christiane Dietrich, die als Leiterin der sozialen Betreuung oftmals die Einzelkontakte der Klinik-Clowns mit Bewohnern begleitet. Sie erlebt auch immer wieder, wie nachhaltig die Besuche von PeterSilie & Luise wirken: Kleine Präsente der Clowns wie ein Kuscheltier, ein Aufkleber auf dem Rollator oder der »Schlüssel zum Glück« werden von den Senioren wie ein Schatz gehütet und bieten immer wieder Anlass zum Gespräch.
Auch auf dem Wohnbereich für demenziell Erkrankte sind PeterSilie & Luise gern gesehene Gäste: Mit Musik aus der Jugendzeit der Senioren können sie Erinnerungen wecken und sie auf emotionaler Ebene in ihrer eigenen Welt erreichen. Manchmal werden auch Angehörige, die vor Ort sind, in das Spiel einbezogen und können so gemeinsam mit dem Bewohner eine unbeschwerte Zeit genießen. Auch die Servicekräfte und Pflegenden im Haus werden immer wieder mit liebevoller Ansprache und kleinen Präsenten für ihren besonderen Einsatz in dieser herausfordernden Zeit gewürdigt. »Wir sind für alle da, denen wir begegnen«, sagt Eva Zöllner, die aus einem Pastorenhaushalt stammt und ursprünglich vorhatte, Theologie zu studieren. »Meine Clownsarbeit sehe ich als Seelsorge ohne Amt. Auf Herzensebene bekomme ich tausendfach zurück, was ich einsetze. Es fühlt sich an, als wäre ich mit vielen neuen Großeltern beschenkt worden.«
© Kursana Oststeinbek, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung
sind hier zu finden:
© Nicole Malonnek / Meravis (header)
© Anja Müller / Agaplesion Bethanien
Wiedergabe aller Abbildungen und Texte mit freundlicher Genehmigung der jeweiligen Urheber